Fastenpredigt von Caritasdirektorin Barbara Handke  

Vollständiger Text der Fastenpredigt von Barbara Handke, Caritasdirektorin Wiesbaden-Rheingau-Taunus

3. Fastensonntag, 07. März 2010, 17.00 Uhr, Dom zu Limburg

Der Priester als Diener des Neuen Bundes
„Seid Ihr bereit, den Armen und Kranken beizustehen und den Heimatlosen und Notleidenden zu helfen?“ (Weiheliturgie)

Liebe Brüder und Schwestern im Glauben!

Caritas und ihr Auftrag

Der Bericht von der Fußwaschung und Jesu Weisung an die Jünger führt uns ins Zentrum der heutigen Thematik: die Caritas und ihr Miteinander mit bzw. ihr Gegenüber zu den Priestern.

1897 ist die Caritas von einem Priester gegründet worden. Was würde sie sich 2010, im Jahr des Priesters, von einem Priester erwarten?

Ich will Ihnen zunächst etwas zur Caritas und ihrem Auftrag sagen, um dann zu den Wünschen der Caritas an die Priester zu kommen und damit zu enden, was der Priester von der Caritas erwarten darf.

Ende des 19. Jahrhunderts war eine Zeit des großen sozialen Wandels und Umbruchs. Viele Menschen lebten in Elend und Not. Ihnen beizustehen und organisierte Hilfe zukommen zu lassen, war das Anliegen Lorenz Werthmanns. Heute würden wir sagen, den Menschen am Rande galt seine ganze Fürsorge und sein unermüdliches Wirken.

Dieser Auftrag begleitet die Arbeit der Caritas nun schon 113 Jahre. Im Laufe der Zeit haben sich die Zielgruppen und unsere Gesellschaft insgesamt verändert. Viele von uns sind wohlhabend und vielleicht auch zu satt geworden, um die heutige Not noch sehen zu wollen. Aber: ein immer größer werdender Teil unserer Gesellschaft gerät in materielle, soziale und ideelle Not. Das sind: die Kinder aus sozial schwachen und / oder benachteiligten Familien. Die überwiegend allein erziehenden Frauen. Psychisch kranke Menschen. Suchtmittelabhängige Menschen, bei weitem nicht nur Erwachsene, es finden sich immer mehr Kinder und Jugendliche darunter. Menschen ohne Wohnsitz. Alte Menschen, die sich nicht mehr selbst versorgen können und auch keine Angehörigen haben, die dies tun können. Sterbende Menschen, die dringend Zuwendung und Begleitung ihrer letzten Lebensphase brauchen. Die vielen von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen. Sie alle – und die Aufzählung ist nicht vollständig – bedürfen der professionellen Hilfe und Zuwendung.

Mich berührt es sehr, wenn ich die beruflich oder ehrenamtlich Tätigen in der Caritas erlebe, wie sie sich den Menschen zuwenden, die zu ihnen kommen oder zu denen sie gehen. Wenn Sie die Gelegenheit haben, schauen Sie Ihnen mal bei Ihrer Arbeit mit den Hilfsbedürftigen zu. Das ist weitgehend von einer tiefen Mitmenschlichkeit und einem großen Interesse am Wohlergehen des anderen geprägt, dass es nachhaltig berührt. Die von Papst Benedikt aufgerufene Nächstenliebe ist in vielen Fällen mit den Händen greifbar. Und diese Hilfe wird uneigennützig getan. „Sie ist umsonst, sie wird nicht getan, um damit andere Ziele zu erreichen. Der Christ weiß, wann es Zeit ist, von Gott zu reden, und wann es recht ist, von ihm zu schweigen und nur einfach die Liebe reden zu lassen.“ (DCE 47)
Auch wenn es vielen hauptberuflich wie ehrenamtlich Mitarbeitenden nicht so bewusst ist, scheint im Dienst an den Armen Christi Antlitz auf. Für die Kirche versehen die Caritas und die Diakonia in den Gemeinden damit einen unverzichtbaren Dienst. Caritas versteht sich als Kirche und ist ein wesentlicher Teil von ihr.

Neben dem unmittelbaren Dienst am Nächsten ist gerade in der heutigen Zeit noch ein weiterer Dienst unverzichtbar. Wir müssen den Armen in der Gesellschaft eine Stimme geben, sozusagen Anwalt sein für ihre Interessen. Es gibt ein ganz aktuelles Beispiel: ein einziger Mensch aus der Politik beherrscht die Medien mit seiner Forderung, denen die ohnehin nicht zuviel haben aus dem Sozialbezug diesen auch noch zu kürzen. Und keiner ist da, der diesem Menschen öffentlich laut und vernehmlich widerspricht. Letzte Woche hat dies wohl endlich die Arbeitsministerin von der Leyen getan. Hier wird mit falschen Behauptungen Stimmung gemacht gegen eine große Gruppe in unserer Gesellschaft, die weitgehend ohne ihr Versagen in diese Situation der Arbeitslosigkeit geraten ist. Umso notwendiger ist es, dass wir als Kirche und Caritas für sie Stellung beziehen. Schon 1916 schrieb Lorenz Werthmann dazu. „Der Diözesan-Caritasverband ist das lebendige, nimmerverstummende caritative Glaubensbekenntnis in der Diözese“.
Die Caritas steht für den Dienst an den Armen in unserer Gesellschaft, denen sie sich auf „Augenhöhe“ zuwendet und für die sie Partei ergreift. Auf dem Hintergrund dieses Verständnisses wende ich mich der Frage zu:

Der Priester als Diener des Neuen Bundes und was wünscht sich die Caritas von den Priestern?

Im Hebräerbrief heißt es: Christus hat durch eine einzige Opfertat auf immer die vollendet, die sich heiligen lassen. „Das ist der Bund, den ich mit ihnen schließen werde nach jenen Tagen“ spricht der Herr: „Meine Gesetze will ich ihnen ins Herz legen und in ihren Sinn schreiben.“ (Hebr 10, 12, 16)
Und im Matthäusevangelium sagt Jesus in der Stelle über das jüngste Gericht: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt, wird er die Völker scheiden. Denen zu seiner Rechten wird er sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das am Anfang der Welt für euch geschaffen worden ist!“ (Mt 25, 31, 34) Und warum sagt er dies und begründet es damit: ihr habt die Hungrigen gespeist, den Durstigen zu trinken gegeben, den Wohnsitzlosen ein Dach über dem Kopf vermittelt, die Kranken und die Gefangenen besucht – sie haben sich einfach um die Armen und Bedürftigen gekümmert.
Auf ihre erstaunte Frage, wo haben wir dich denn in solch einem elenden Zustand angetroffen, antwortet Christus ihnen: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan.“ (Mt 25, 40)

Bei der Weihe zum Priester werden die Kandidaten u. a. genau danach gefragt: „Seid Ihr bereit, den Armen und Kranken beizustehen und den Heimatlosen und Notleidenden zu helfen?“ Das ist die Frage des Neuen Bundes an die Priester. Und selbstverständlich liegt dies auch in der Verantwortung des priesterlichen Gottesvolkes: Im Volk Gottes darf es keinen Armen geben, der zu Gott schreit, sagt die Heilige Schrift.

Diese Sorge für die Armen geschieht ja auch in vielfältiger Weise oft, ohne dass sie groß nach außen sichtbar wird. Aber als Caritas erleben wir auch eine andere Seite, zum Wesen der Kirche gehört neben der Verkündigung von Gottes Wort (kerygma-martyria) und der Feier der Sakramente (leiturgia) die Diakonia (der Dienst der Liebe). Sie ist aber weitgehend ausgegliedert bzw. an die berufliche Caritas delegiert. „Es sind Aufgaben, die sich gegenseitig bedingen und sich nicht voneinander trennen lassen. Der Liebesdienst ist für die Kirche nicht eine Art Wohlfahrtsaktivität, die man auch anderen überlassen könnte, sondern er ist unverzichtbarer Wesensausdruck ihrer selbst.“ (DCE 33/34) Das Schicksal der Kirchen wird davon abhängen, ob die Rückkehr der Diakonie in die Kirchen gelingt. Das hat bereits 1984 Altbischof Kamphaus beim Tag der Caritas verkündet. (FK „Die Wahrheit in Liebe tun“ in „Der Preis der Freiheit“, Grünewald 1987,47)

Hat sich seitdem wirklich etwas verändert? Die Situation muss differenziert betrachtet werden. Es gibt Gemeinden / pastorale Räume bei denen die Diakonia ganz selbstverständlich zu den pastoralen Aufgaben gehört. Aber: in vielen Gemeinden / Kirchorten wünsche ich mir, dass die Diakonia ein viel deutlicheres Gesicht erhält. Und das entscheidet sich stets an den Leitungen der Gemeinden, i. d. R. an den Priestern. Die Armen in der Gemeinde willkommen zu heißen, sich ihrer Nöte anzunehmen, muss vom Kopf (also von der Leitung) her gewollt sein.

Dann stellt sich die Frage: Kennen wir die Armen in unseren Gemeinden? Wissen wir, was das für Gesichter sind und welche Nöte dahinter stecken? „Jesus Christus lehrt uns nicht eine Mystik der geschlossenen Augen, sondern eine Mystik des offenen Blicks und damit der unbedingten Wahrnehmungspflicht für die Lage der anderen, für die Situation, in der sich der Mensch befindet, der gemäß dem Evangelium unser Nächster ist.“ (Berufen zur Caritas, DBK Nr. 91, 29/30) Diese Mystik des offenen Blicks wünscht sich die Caritas als spirituelle Grundhaltung des priesterlichen Gottesvolkes.

„Die Armen sind uns nicht etwa nur aufgegeben, damit wir sie in die Kirche bringen, sondern weil sie arm sind“ (FK, ebd. 57) und wir den biblischen Auftrag haben, für sie zu sorgen und mit ihnen zu teilen. (Apg 4, 32 – 35)

Gott sei Dank gibt es gelingende Beispiele für diese Mystik des offenen Blicks. Ich will Ihnen an dieser Stelle davon berichten und hoffentlich Mut dazu machen:

Praxis: Spätsommer 2007 findet sich ein Bettler vor der Tür der Bonifatiuskirche ein – ich nenne ihn Pjotr. Schwer gehfähig durch Schlaganfall, kaum der deutschen Sprache mächtig, gebürtiger Slowake. Stets freundlich gewinnt er schnell die Herzen der Kirchenbesucher. Sie versorgen ihn reichlich mit Mahlzeiten und Getränken. Wegen seiner Gehbehinderung kann er nicht ins Nachtquartier der Heilsarmee kommen und liegt immer mit einem Schlafsack in der etwas geschützteren hinteren Tür eines Bekleidungsgeschäftes. Im Winter 2007 / 2008 fahren wir (ein Mitarbeiter und ich) ihn und einen Begleiter zum Bahnhof, kaufen ihnen eine Fahrkarte nach Karlsruhe, wo es ein festes Winterquartier für wohnsitzlose Menschen gibt. Frühjahr 2008 sind sie wieder da.
Im Laufe der Zeit bemerken wir, dass jeden Abend ein bis zwei jüngere Männer kommen und ihn aufsuchen. Später wissen wir, dass sie einer organisierten Bande angehören, die Menschen zum Sammeln zwingen und ihnen das Geld abnehmen.
Pjotr ist ihnen aufgrund seiner Behinderung schutzlos ausgeliefert. Eines Tages liegt er bewusstlos an der Kirchentür. Eine Passantin hat bereits die Polizei und diese einen Krankenwagen gerufen. Wir kommen gerade noch rechtzeitig hinzu, um zu veranlassen, in welches Krankenhaus er gebracht werden soll. Am nächsten Tag muss er aus dem Krankenhaus geholt und irgendwo vorübergehend untergebracht werden. Der Pfarrer bittet darum, alle Möglichkeiten der Hilfe auszuloten. Es findet sich ein Sozialarbeiter aus der Wohnsitzlosenarbeit, der ihn abholt, zur Heilsarmee bringt, die sich bereit erklärt, ihn für 3 Tage dort aufzunehmen. Er duscht und reinigt den Mann, der von Geschwüren und in die Haut sich fressenden Kleidern übersät ist. Besorgt ihm frische Kleidung. Fieberhaft suchen wir eine Möglichkeit, ihn so unter zu bringen, dass er versorgt ist, ohne dass ihn seine Peiniger wieder auffinden können. Der Leiter einer unserer Altenpflegeeinrichtungen erklärt sich bereit, ihn aufzunehmen. Der Pfarrer findet einen Sponsor, der die ersten Monate der Pflege mitfinanziert. Der Sozialarbeiter betreut ihn weiter, sorgt für einen Pass, für die Anerkennung seines Aufenthaltes, stellt einen Antrag auf Sozialhilfe. Seit Sommer 2008 lebt er in einem Caritashaus, regelmäßig betreut und versorgt von einer Krankenschwester, dem Sozialarbeiter und dem Pflegeheim. Die Bemühungen, Kontakt zu seiner eigenen Familie in der Slowakei herzustellen, scheitern leider an deren strikter Ablehnung. Pjotr selbst will nie wieder auf die Straße zurück. Wir suchen gerade für ihn eine endgültige Bleibe, welche ihm auch wieder Kontakt zu seinesgleichen ermöglicht.

Die ganze Aktion war nur möglich in der Vernetzung zwischen der organisierten Caritas, dem Pfarrer und einigen Mitgliedern der Gemeinde. Wir müssen die Armen sehen wollen, dann kommen wir auch mit ihnen in Berührung. Doch auch das ist Alltagsrealität; ein nicht unerheblicher Teil der Gottesdienstgemeinde murrt über die „Störung“ und den „Gestank“.

Dennoch sitzt den Priestern und uns in den sich verändernden Gemeinden der Anspruch aus der Heiligen Schrift wie ein Stachel im Fleisch: „Hat Gott nicht die Armen in der Welt auserwählt, um sie durch den Glauben reich und zu Erben des Königreichs zu machen, dass er denen verheißen hat, die ihn lieben? Ihr aber habt die Armen entwürdigt.“ (Jak 2, 5, 6a) Und weiter folgert Jakobus: „Was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Taten? Kann etwa der Glaube ihn retten?“ (Jak 2, 14) Lassen Sie bitte einmal vor Ihrem geistigen Auge die Armen vorbeiziehen, die Sie aus Ihrer nächsten Nähe kennen. Ist es einer - sind es mehrere oder gar niemand?

Ich möchte Ihnen ein weiteres Beispiel erzählen. Ich finde, es ist auch ermutigend, weil armen Mensch geholfen wird – es geht um die Tafel im Rheingau, auch wenn die Tafeln an sich ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft sind:

Rheingauer Caritas Tische: Im Frühjahr 2007 kamen die politischen Vertreter aller Kommunen aus dem Rheingau auf mich zu und baten darum, dass der Caritasverband eine Tafel i.S. der Tafeln e.V. die so genannte Speisung für die Armen, im Rheingau aufbaut. Da wir erst zum Januar die Verbände Wiesbaden und Rheingau-Untertaunus zusammengeführt hatten, war ich nicht wirklich interessiert, ein neues Projekt gleich wieder anzugehen. Es wurde mir jedoch schnell klar, dass die Caritas im katholischen Rheingau diese Aufgabe nicht ablehnen konnte.
Und so begann die Projektaufgabe doch sehr schnell. Dazu gehörte als erstes, die Gemeinden zu motivieren. Der Einladung folgten alle Priester und pastoral Mitarbeitenden. Es berührt mich noch heute, als am Ende des Gespräches alle unisono sagten: wir betrachten diese Aufgabe als unser gemeinsames sozial-caritatives Projekt. Das war ein wichtiger Auftakt einer inzwischen sehr guten Vernetzung zwischen der Caritas, den Priestern und pastoral Mitarbeitenden und den Gemeinden im Rheingau. Der Rest war dann rasch getan. Mit Unterstützung aller Gemeinden wurden Sponsoren und ehrenamtlich Helfende gesucht und gefunden, die Kooperation mit der Altenpflegeeinrichtung vor Ort vereinbart, Ausgaberäume an vier Stellen im Rheingau eingerichtet. Altbischof Kamphaus stellte sich als Schirmherr zur Verfügung und namhafte Persönlichkeiten wie der Landrat, Bürgermeister und der Chef eines Wirtschaftsunternehmens arbeiten im Beirat mit. In nur sechs Monaten war alles so vorbereitet, dass die erste Ausgabe bereits im Advent 2007 erfolgen konnte. Heute sind immer noch etwa 80 ehrenamtlich Mitarbeitende im Einsatz. An den Ausgabestellen vor Ort, beim Sortieren der Ware, für das Holen der Ware etc. Im Dezember 2009 wurden 165 Erwachsene und 119 Kinder (= 284 Personen) in 113 Bedarfsgemeinschaften Woche für Woche mit Lebensmitteln versorgt.

Diese Beispiele konkreter Hilfe für Notleidende in unserer Region machen mich froh. Und dennoch ist mir bei der Vorbereitung dieser Predigt und der Beschäftigung mit den Armen in der Bibel etwas sehr denkwürdiges aufgefallen.
Seit vierzig Jahren bete ich regelmäßig das Stundengebet der Kirche. Dort beten wir täglich im Magnificat: „Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten, er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind. Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (Lk 1, 51-53) Ich fasse es nicht und bin gleichzeitig beschämt. So bewusst wie jetzt, habe ich diese Stelle noch niemals wahrgenommen. Geht es Ihnen auch manchmal so, dass wir unsere alten kirchlichen Texte ganz selbstverständlich routiniert beten, ohne dass uns der Inhalt noch wirklich berührt? Jetzt hat es mich ganz neu berührt. Die Reichen gehen hier leer aus und die Armen werden erhöht!

Der Kirchenlehrer Antonius von Padua hat zu Beginn des 13. Jahrhunderts etwas Vergleichbares wahrgenommen, was wir in unserer heutigen Gesellschaft und der momentanen Wirtschaftskrise auch vorfinden. Die Reichen wurden immer reicher und die Armen immer ärmer und die Reichen zeigten sich den Bedürfnissen der Armen gegenüber gleichgültig. Daraufhin rief er die Gläubigen auf, an den wahren Reichtum des Herzens zu denken, der durch Güte und Barmherzigkeit den anderen gegenüber entsteht. „O ihr Reichen – so ermahnt er – macht euch die Armen zu Freunden, nehmt sie in euren Häusern auf: sie, die Armen, werden euch dann in den ewigen Wohnstätten empfangen, wo die Schönheit des Friedens herrscht, das Vertrauen der Sicherheit, und die üppige Ruhe ewiger Zufriedenheit.“ Solche Priester wünscht sich die Caritas, welche die „Mystik des offenen Blicks“ für die Armut in unserer Gesellschaft pflegen und diese auch benennen und mit der Caritas bekämpfen.

Mit einem dritten kleinen (fast misslungenen) Beispiel leite ich über zur Antwort auf meine letzte Frage:

Was darf der Priester von der Caritas erwarten? Was dürfen Sie als Kirche von uns erwarten?

Mittwoch vor 14 Tagen kam ich zu fortgeschrittener Stunde ins Pfarrhaus und traf dort die Gemeinderefentin an. Auf meine Frage, was sie so spät hier denn noch tue, erhielt ich zur Antwort, dass sie Beichte für die Kommunionkinder am Wochenende vorbereite. Wie viel Kinder sind es denn? 24 aber ein Kind kann leider nicht kommen, da soeben Nierenkrebs diagnostiziert wurde und er seit gestern in der Uni-Klinik zur Chemotherapie sei. Sie wisse auch nicht, wie man der alleinerziehenden Mutter mit einer noch fünfjährigen Tochter helfen könne. Sie müsse morgen mal den Hospizverein anrufen, vielleicht hätten diese einen Rat. Im ersten Moment war ich sprachlos, was nie lange anhält. Ich sagte ihr, dass in der Mobilen Altenhilfe auch eine Familienhilfe arbeitet. Wir dazu Mitträger des Kinderhospizes Bärenherz seien, wo wir seit Oktober einen ambulanten Kinderhospizdienst aufbauen. Sie möchte bitte die Mutter fragen, ob es ihr recht sei, wenn wir Hilfe organisieren. In der Leitungskonferenz am nächsten Morgen sprach ich den Abteilungsleiter auf die Familienpflege an. Am Nachmittag hatte ich bereits beide Telefonnummern der Mutter auf meinem Schreibtisch. Am Abend erreichte ich die sehr mitgenommene Frau, die für jede Hilfe dankbar war. Mit einem kurzen Gespräch, zwei Emails und einem Telefonat war dieser Frau von heute auf morgen geholfen. Sie benötigte dringend eine Versorgung für die fünfjährige Tochter und eine Begleitung einer erfahrenen Hospizkraft im Umgang mit dem krebskranken neunjährigen Sohn.
Das alles ließ sich dann doch schnell und unbürokratisch regeln, weil die Caritas mit den Priestern, den pastoral Mitarbeitenden und den Pfarrbüros vernetzt ist und alle umeinander und um die Aufgaben wissen.

Neben dieser ganz konkreten Hilfe im Einzelfall kann ein Priester auch auf andere Weise Unterstützung durch die Caritas erwarten:
Für die Arbeit in den größer werdenden pastoralen Räumen und Gemeinden kann ein Priester erwarten, dass die Gemeindecaritas hilft beim Aufbau sozialer Projekte in den Gemeinden bzw. an den Kirchorten, wie wir in Wiesbaden zwischenzeitlich sagen. Der Deutsche Caritasverband hat mit Blick auf die sich verändernde gemeindliche Situation in ganz Deutschland bereits im Sommer letzten Jahres ein Konzept vorgelegt zu „Rolle und Beitrag der verbandlichen Caritas in den pastoralen Räumen.“ Hier geht es vor allem um die Vernetzung aller Akteure und ihr Engagement zum einen für die Begleitung der ehrenamtlich Aktiven und die Sorge um die von Armut und Benachteilung bedrohten Menschen bis hin zu einem gemeinsamen anwaltlichen Engagement. Ziel ist es, eine „Caritas der Gemeinde“ (FK, ebd. 55) wieder zum Leben zu bringen. In der Neustrukturierung stecken große Chancen, wenn das Miteinander und das aufeinander zugehen gewollt ist.

Auch in anderen Arbeitsfeldern sind Caritas und Priestertum aufeinander angewiesen. Manche Schuld löst sich auch nicht durch psychologischen oder sozialarbeiterischen Zuspruch; hier wäre manches Mal der priesterliche Dienst des Bußsakramentes angezeigt. Das bedarf allerdings einer sehr behutsamen und einfühlsamen Umgangsweise von allen Seiten. Sie wird nur in einem vertrauensvollen und wertschätzenden Miteinander möglich werden. In der Ehe- Familie und Lebensberatung z.B. oder auch dringend in der Hospizarbeit. Es geht nicht darum, den Priester als Unbekannten dann einfach für die Spendung des Sakramentes zu holen, sondern gemeinsam mit Pflegekraft / Seelsorgskraft den Sterbenden aufzusuchen. Wenn genug Vertrauen genug da ist, kann sich der andere auch diskret entfernen, und dem Gespräch mit dem Priester Raum geben.

Nicht zuletzt wissen wir als Caritas, dass wir Kirche sind und unser Dienst getragen sein muss vom Glauben und der Kraft des Gottesdienstes. Altbischof Kamphaus stellt deshalb zu recht fest: „Wer die Beziehung zu Gottesdienst und Verkündigung verkümmern lässt, der untergräbt die Diakonie.“ (FK, Der Preis der Freiheit, 50)
Der Caritas wird oft unterstellt, dass sie ihre Arbeit nur noch managt und diese nicht mehr vom Glauben her getragen ist. Das sehe ich von der Erfahrung der Praxis her ganz anders. Bei der überwiegenden Zahl der Mitarbeitenden findet sich ein hohes Maß an Identifikation mit den Werten der Kirche und die Arbeit wird aus der Liebe am Nächsten vollzogen. Ich freue mich über jeden Antrag auf meinem Schreibtisch, wenn Einzelne oder ganze Teams sich zu Exerzitien oder auch Wüstentagen aufmachen. Etliche gehen auch Jahr für Jahr den Jakobsweg und besuchen selbstverständlich die Angebote des Refugiums in Hofheim.

Für uns alle – Priester wie pastoral Mitarbeitende, in der Caritas ehrenamtlich und hauptberuflich Mitarbeitende sowie Tätige in den Gemeinden – gilt, dass der Gewinn im Geben liegt und nicht die letztlich reich sind, die viel haben, sondern die viel geben. (vgl. FK, Priester aus Passion, 152)
„Die Armen in unserer Gesellschaft sind nicht nur eine Herausforderung an unsere Wohltätigkeit oder an unsere politische Vernunft, sie sind eine Herausforderung des Glaubens.“ (ebd. 160)

Deswegen soll das letzte Wort die Bibel haben: „Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterjochen und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, sei euer Diener, und wer bei euch der Erste sein will, sei euer Sklave. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Mt 20, 24-28)

Wer sich daran orientiert kann wahrhaft als Priester des Neuen Bundes voll Menschlichkeit den Armen und Kranken beistehen und den Heimatlosen und Notleidenden helfen.